Eine neue Schwester aus der weiten Welt – meine Erfahrung als Gastfamilie

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So oft man doch so viele Erfahrungen von Austauschschülern lesen kann, desto weniger findet man Berichte aus der Seite der Gastfamilie. Ich finde es schade, dass so wenig über die tollen Dinge eines Jahrs mit einem neuen Familienmitglied berichtet wird, so dass ich mir vorgenommen habe, genau das nachzuholen.

„Zuhause die Welt entdecken“

Angefangen hat eigentlich alles ganz harmlos: meine Schwester Annika wollte schon immer mal ins Ausland – und nein, Mainstream-Länder wie die USA, Kanada oder Australien sollten bei ihr nicht in Frage kommen. Möglichst weit weg, möglichst andere Kultur spielten dort eine große Rolle. Nach ein paar Besuchen auf Schüleraustauschmessen und weiteren Recherchen war sich Anni sicher: YFU Deutschland war für sie die Organisation, mit welcher sie unbedingt Teile der großen, weiten Welt kennenlernen sollte.

Nach der erfolgreichen Bewerbung und der Entscheidung für Uruguay wurde es zunehmend ernster: der Abflugstermin rückte immer näher und Anni und ich beschlossen, meine Eltern von einem Gastgeschwisterkind zu überzeugen, denn wer hätte sonst das leere Zimmer, die fehlende Zahnbürste oder die seltsamen einsamen Abende an Weihnachten füllen sollen? Nach wirklich zigtausend Überredungsversuchen hatten wir zumindest schon einmal ein „vielleicht“ sicher. Dort konnte man sehr gut ansetzen. Nachdem Annika einfach mal die Bewerbungsunterlagen für die Gastfamilie angefordert hatte und diese Mama vor die Nase setzten, ging alles dann plötzlich ganz schnell. Die Entscheidung war gefallen: wir bekommen ein neues Familienmitglied!

Bewerbungsprozedur bei YFU

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Ankunft in Hamm, erstes Foto, gastfamilie

Nach Ausfüllen eines Steckbriefes und Schreiben eines Briefes an den potenziellen Austauschschüler bekamen wir Besuch von Axel, einem Betreuer, der sich ehrenamtlich bei YFU engagierte. Zusammen besprachen wir, was wir erwarteten und wie wir uns unseren Austauschschüler vorstellten: drei Dinge, die wichtig waren, wurden dann im Nachhinein beachtet, damit wir auch passende Vorschläge bekamen. Unser Austauschkind sollte am besten über 16 sein, damit dieses auch feiern gehen kann und eigene Kurse in der Schule wählen darf, es sollte Fahrrad fahren können und am besten keine Hausstauballergie haben (:D). Den Rest des Abends verbrachten wir plaudernd und Erfahrungen, aber auch Befürchtungen austauschend, bei denen Axel aber vor allem Mama besänftigen konnte.

Ein paar Tage später kam dann der Moment: ein dicker Briefumschlag mit unserem potenziellen Austauschschüler. Zusammen schauten wir die Bögen an, machten hier und da ein paar Notizen und waren uns aber schnell einig: irgendwie war niemand mit dabei, der uns allen gut gefiel, obwohl bestimmt alle auf ihre Weise sehr sympatisch waren. Dennoch machten uns die Hobbys wie mehrere Stunden Musik spielen oder 6 Mal die Woche Schwimmen gehen ein bisschen Sorgen, da wir das unserem Gast nicht hätten bieten können.

Besuch aus Japan

Also schrieben wir eine Mail an YFU und am selben Tag erhielten wir die nächsten Kandidaten. Und da ging dann alles rasend schnell. Jeder schaute die Bögen durch und eine Japanerin fiel uns allen direkt ins Auge. Hobbys waren „normal“ und inkludierten Kino, Shoppen und Fotografieren und die Familie samt Urgroßvater lächelten uns vom Foto an. Rikako war in unseren Augen das Familienmitglied, was bei uns wohnen sollte. Eine Stunde später riefen wir dann auch schon telefonisch bei YFU an und hier wurde uns dann unsere Anfrage bestätigt. Ich werde die Stunden danach nie vergessen, in denen Anni und ich fleißig nach unserer neuen Gastschwester bei Facebook suchten und aber nie etwas fanden, weil wir keine japanischen Schriftzeichen beherrschten und den Nachnamen nicht kannten.K1024_IMG_7384

Wieder ein paar Tage später kamen dann die lang ersehnten Unterlagen an, in denen Rika noch einmal detaillierter vorgestellt wurde und in denen auch genaueres zu ihrer Ankunft stand: Rika sollte zu erst an einem dreiwöchtigen Orientierungskurs in Cottbus teilnehmen und dann weiter zu uns mit dem Zug reisen. Und siehe da, mit Nachnamen fanden wir Rika schnell bei Facebook und der erste Kontakt kam zustande. Oh mein Gott, war das aufregend, das erste Mal eine Antwort zu erhalten. Für Rika ging es damals schon eine Woche später los, weil wir uns damals verdammt spät für einen Austauschschüler entschieden hatten. Ein paar Mal skypten Rika und ich, als sie schon in Cottbus war und irgendwie war das ganz komisch, sich schon so einmal zu unterhalten. Zu der Zeit befand ich mich auch in Berlin und Rika war selbst an einem Tag auch in Berlin und wir hätten uns quasi schon dort begegnen können.

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Typisch Rika 😀

Vier Wochen später standen wir dann also zu dritt und ohne Annika, die mittlerweile schon nach Uruguay übergesetzt war, am Hammer Hauptbahnhof und warteten. Der ICE hatte natürlich Verspätung und so lernte Rika schon einmal die deutsche Bahn kennen. Voller Fragen, wie wir Rika begrüßen sollten, ob Umarmung, ob Handschütteln oder ähnliches, warteten wir auf die Einfahrt und eine schüchternde Japanerin lief auf uns zu und alle Fragen erübrigten sich und wir schlossen uns in die Arme. Da wir vorher vereinbart hatten, nur auf Deutsch zu reden, war die Kommunikation erst einmal ein bisschen eingeschränkt und es wurde ein Denglisch-Mix, der zumindest in den ersten Momenten ein wenig half, um sich besser kennenzulernen.

Zuhause angekommen zeigten wir Rika ihr Zimmer und starteten eine kleine Haustour. Das war ganz lustig und irgendwie kam man sich da schon ein wenig näher. Am selbigen Abend brachte mir Rika mein erstes Origami bei – wie der Schwan funktioniert hab‘ ich aber ziemlich schnell wieder vergessen.
Die ersten Wochen waren besonders aufregend: Die Waage im Supermarkt, auf die man Obst legt und dieses auswiegt wurde fotografiert und generell hatte ich das Gefühl, dass alles fotografiert wurde, dass ich niemals fotografiert hätte. Ich begleitete Rika zur Schule, um dort ihren Stundenplan festzulegen und traf mich mit Freundinnen, die in ihrer neuen Stufe waren, um erste Kontakte herzustellen. Der organisatorische Krimskrams wie Aufenthaltstitel und Zugticket wurde erledigt und langsam kehrte der Alltag ein. Alles lief super harmonisch ab und wir verstanden uns super.

Geschwisterliebe

Das erste Mal, dass ich genervt von Rika war, war an einem Tag, an dem wir nachts ein paar Museen im Rahmen der Museumsnacht besuchten: ich wollte unbedingt in ein Museum, aber Rika und Papa beschlossen erst einmal, Döner und Pommes zu essen. Und ich muss sagen, ich habe noch nie einen Menschen so langsam Döner essen sehen :D:D. Aber auch hier verflog die schlechte Laune sehr schnell und am nächsten Tag segnete ich das als „Angekommen als Schwester“ ab.K1024_IMG_7973

Ich muss sagen, dass Rika und ich uns auf Anhieb ziemlich gut verstanden und eigentlich jeden Abend zusammen chillten und generell sehr viel unternahmen. Am Anfang segnete Rika noch jeden Vorschlag ab wie Schwimmen, aber nach kurzer Zeit wurde sie selbstbewusster und machte nicht mehr alles mit, was man ihr vorschlug. Ein Glück.

Wenn der Alltag einkehrt und alles so rasend schnell erscheint

Die Schule funktionierte auch wunderbar und Rika fand eine eigene Freundesgruppe, die sich teils selbst mit meiner Freundesgruppe überschnitt, so dass man sich des öfteren sah. In den Pausen hat man sich gegenseitig angerempelt – richtige Geschwister halt.

In den Herbstferien reisten wir ein wenig durch Süddeutschland und ab dieser Tour wollte ich Rika nicht mehr missen. Es war toll, noch einmal gemeinsam als Familie zu verreisen und zusammen zu wachsen.

Weihnachten rückte auch zunehmend näher und einer der tollsten Weihnachtsgeschenke bekam ich von Rika: durch eine Freundin verschaffte sie mir Zugang zur Südtribüne des BVBs, denn Rika hatte uns mit dem Fußball-Fieber angesteckt und verzaubert. Wäre Rika nicht gewesen, wäre ich wahrscheinlich heute niemals so ein großer BVB-Fan – vom öffentlichen Training bis auf der Tribüne gegen Arsenal London oder Real Madrid – wir waren dabei. Rika, du hast unsere Familie geprägt! Heute klafft ein BVB-Sticker auf dem Auto und fast jedes Spiel wird im Fernsehen verfolgt.

Es war schön, ein solches besinnliches Weihnachten zu erleben. Alles lief harmonisch ab und es war für Mama dann doch nicht so ganz so schlimm, Annika nicht am Weihnachtsfest bei sich zu haben. Die Tage danach hatten wir zehn Japaner aus ganz Deutschland zu Besuch und auch dies war lustig anzusehen. Rika als deutliche Chefin des Hauses stellte stolz ihre Stadt und die Umgebung vor und es schien, als hätten alle viel Spaß gehabt.K1024_IMG_7093

Im Februar reiste Rika mit ihrer Stufe eine Woche nach Berlin und ich vermisste sie schrecklich und war froh, als wir endlich wieder abends chillten und unserem Alltag nachgingen. Für mich war Rika jetzt eine wirkliche Schwester und schon im Februar musste ich mir Tränen verdrücken, als der Brief mit dem Abflugsdatum zuhause einflatterte. Rika und Mama führten auch eine ebenso tolle Beziehung: am Anfang, als Anni nach Uruguay reiste, fragte sie sich die ganze Zeit, was Anni wohl jetzt in diesem Augenblick mache. Seit Rika abgereist ist, war dies umgekehrt und jeden Tag wurden wir mit der Frage „Was Rika jetzt wohl macht?“ genervt. Ich denke, dass dies für sich spricht und inwiefern wir Rika ins Herz geschlossen haben. Papa war auch immer zu Stelle und verwöhnte Rika sehr gerne. Kartoffelsuppe gab’s für Rika immer, wenn sie es wollte und auch sonst gab es selbst jeden Tag Froop (bitte Fro-op aussprechen).

In den Osterferien ging es für Rika, Mama und mich noch einmal nach Paris und nach vielen Fotos und kurzen Museumsbesuchen, die aus Fotos machen bestanden, ging es nach 3 Tagen wieder nach Hause. Die letzten Wochen und Monate vergingen rasend und mit jedem Tag wurde es mir schwerer ums Herz.

Die Abreise steht kurz bevor10516681_732309963506132_1708086105841715518_n

Da Annika aus gesundheitlichen Gründen ein paar Wochen eher nach Hause kehrte als erwartet, lernten sich Rika und Anni auch noch kennen. Die beiden verstanden sich gut, aber die Situation war dennoch irgendwie ein bisschen angespannt, da sich die beiden nicht direkt kannten und der Platz in der Familie irgendwie neu oder anders besetzt war. Aber auch irgendwann kam dann der Tag, den ich am liebsten um Jahre nach hinten verschoben hätte: nach einer kleinen Abschiedsparty mit allen Freunden und Bekannten ging es mit dem Auto nach Frankfurt und ab da konnte ich nur noch weinen. Gerade mit dem Gedanken, dass man kein genaueres Datum hat, an dem man sich wiedersieht, wie das zum Beispiel bei Anni war, war es schwer, sich zu verabschieden.

Danke!

Trotzdem, ich bin YFU und vor allem Rika so dankbar, dass wir sie als neues Familienmitglied aufnehmen durften und ich nun eine weitere Schwester am anderen Ende der Welt haben darf. Wir konnten lachen, weinen, erzählen und uns alles anvertrauen. Ein Stück von mir ist mit Rika nach Japan gegangen und das wird dort auch immer bleiben. Bis heute sind wir im guten Kontakt und ein paar geplante Treffen sind aufgrund von Uni und anderen Sachen schon gescheitert, aber ich bin sicher, dass wir das bald auf die Kette bekommen. Durch Rika wäre ich wahrscheinlich niemals auch nur ansatzweise auf die Idee gekommen, Japanisch einmal zu studieren (vor allem, weil mir Anime und Manga mal so garnicht liegt und das aber generell so das ziemlich bekannteste Klischee ist, dass jeder die bunten Figuren dort liebt). Rika studiert übrigens zur Zeit in Tokyo Germanistik – man sieht, dass das Beeinflussen wunderbar geklappt hat. Ich selbst bin durch dieses Jahr reifer geworden, hab mehr Selbstbewusstsein gewonnen und bin noch ein wenig weltoffener geworden, als ich es schon vorher war.K1024_IMG_7924

Ich, und ich spreche damit im Namen der ganzen Familie, kann es wirklich jedem wärmstens empfehlen, einen Gastschüler bei sich aufzunehmen. Man kann immer Pech oder Glück haben, aber man kann genauso Erfahrungen ohne Ende gewinnen und mit diesen wachsen. Außerdem finde ich es gut, wenn direkt mit dem Austauschschüler Deutsch gesprochen wird, denn sonst ist es verdammt schwer, den Umschwung auf Deutsch zu schaffen und man verbleibt das Jahr in Englisch und das wäre zu schade, denn gerade, wenn man eine Sprache beherrscht, hat man noch einmal einen ganz anderen Zugang zur Kultur.

Und noch einmal an Rika oder Näykäy: danke, danke, danke! Ich vermisse dich sehr und Shinji wartet auf dich! Deine Cäyräy

Gastfamilie werden

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4 Kommentare

  1. Ein wunderschöner Artikel! Du hast Recht – Erfahrungsberichte von Gastfamilien hört man viel, viel weniger als Erfahrungsberichte von Austauschschülern. Ich konnte direkt mitfühlen, wie viel Spaß ihr gemeinsam hattet und wie schwer der Abschied fiel. Ich hoffe ihr seht euch bald wieder – vielleicht kannst du ja dadurch auch Japan einmal besser kennenlernen?

    1. carinimi sagt: Antworten

      Vielen lieben Dank! Ja, es war ein tolles Jahr, dass ich für immer in Erinnerung behalten werde. Schon zuhause durch meine Gastschwester hab‘ ich sehr viel über Japan gelernt, aber das I-Tüpfelchen sollte wirklich mal ein Besuch in Japan sein. 🙂

  2. Das ist wirklich ein ausgesprochen interessanter Artikel! Ich selbst war als Gastschülerin in Kanada und es war eine sehr schöne Zeit, leider ist der Kontakt zu meiner Gastfamilie über die Jahre abgerissen.
    Später möchte ich auch auf jeden Fall einen Gastschüler in meine Familie aufnehmen, da ich das eine tolle Gelegenheit finde, mehr über andere Kulturen zu lernen und man lernt ja auch seine eigene Stadt und das Land nochmal ganz neu kennen (:

    Viele Grüße
    Tabea

    1. carinimi sagt: Antworten

      Vielen Dank! Das ist wirklich sehr schade. Ich hoffe, dass sich das bei meiner Familie nicht einstellt.
      Ich habe auch schon gesagt, dass ich bestimmt in Zukunft selbst als Gastmutter jemanden einen Platz anbieten möchte. Es ist in der Tat toll, die Welt zuhause wirklich noch einmal mit anderen Augen sehen zu dürfen. 🙂

      Liebe Grüße
      Carina

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